: Interview

Aufbruchstimmung

Die Herausforderungen der Zukunft sind groß und die Zeit drängt. WSW-Vorstandsvorsitzender Markus Hilkenbach über die WSW als Wegbereiter und die Wichtigkeit einer sicheren Versorgung.

Herr Hilkenbach, die WSW feiern in diesem Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum und wollen Wegbereiter der Energie- und Verkehrswende in Wuppertal sein. Was heißt das genau?

Im Grunde tun wir das, was wir schon immer getan haben: Wir gewährleisten eine sichere Energieversorgung und eine zuverlässige Mobilität für die Menschen und Unternehmen in Wuppertal im Sinne der Daseinsvorsorge. Neu ist, dass sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert haben und weiter verändern werden, etwa in den Bereichen Energie- und Wärmewende, Nachhaltigkeit, Digitalisierung. Das alles löst in unserer Branche und auch bei uns im Unternehmen erhebliche Veränderungsprozesse aus. Von digitalen Betriebsabläufen über neue Produktwelten bis hin zu ganz neuen Energiesystemen – Stichwort Wärmewende. Wenn wir unsere Rolle als Wegbereiter der Energie- und Verkehrswende in Wuppertal definieren, so bedeutet dies, dass wir Rahmenbedingungen schaffen wollen, die es den Menschen, Unternehmen und der ganzen Stadtgesellschaft ermöglichen, an den Chancen nachhaltiger Energieverwendung und Mobilität zu partizipieren. Wir haben als Gesellschaft und gemeinsam mit der Stadt das konkrete Ziel, klimaneutral zu werden. Unsere Aufgabe ist es, dafür die richtigen Produktlösungen und die notwendige Infrastruktur bereitzustellen.

Können Sie dafür Beispiele geben?

In der Versorgung setzen wir stärker auf erneuerbare Energielösungen, das heißt beispielsweise die Entwicklung von sektorübergreifenden Quartiers-/Nahwärmekonzepten bis hin zu neuen Produkten wie Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder Elektrotankstellen. Dadurch wird die Versorgung in Wuppertal regenerativer, dezentraler und stromlastiger. Dies hat wiederum Konsequenzen für unsere Netze. Wir müssen das Stromnetz dem erwarteten höheren Bedarf und der vermehrten dezentralen Einspeisung anpassen. Gleichzeitig rechnen wir mit einem Rückgang der Gasanschlüsse. Ein wichtiger Baustein in diesem Zusammenhang wird die kommunale Wärmeplanung sein. Hier sind wir aus meiner Sicht gut vorbereitet und arbeiten auch bereits an sehr konkreten Umsetzungsprojekten. Wir bauen die Fernwärme als klimafreundliche Wärmeenergie weiter aus und möchten weitere regenerative Energiequellen erschließen, beispielsweise über große Freiflächen-PV-Anlagen oder auch die Tiefengeothermie.

Welches sind die Zukunftsprojekte im Verkehrsbereich?

Im Verkehr gibt es ebenfalls große Entwicklungsanforderungen, beispielsweise durch die Ambition, den ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr weiter zu stärken beziehungsweise entsprechend auszubauen. Zudem werden die Antriebswende und Systemdigitalisierung stark vorangetrieben. Wir beschäftigen uns mit dem Thema autonomes Fahren im Bereich der Betriebshoflogistik und sind mit unseren zwanzig Wasserstoffbussen, inklusive der eigenen Wasserstoffproduktion, bereits auf einem sehr guten Weg. Gleichwohl sind das wie im Energiebereich nur erste Schritte. Wir haben rund 320 Busse, die auf klimaneutrale Antriebe umgestellt und Werkstätten, die auf eine neue Technologie ausgerichtet werden müssen. Ein langer und kapitalintensiver Weg, den wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln konsequent weiterverfolgen.

Sie haben schon mehrfach die Digitalisierung angesprochen. Warum ist dieses Thema so wichtig für die Stadtwerke?

Die Bedeutung des digitalen Wandels für die kommunale Versorgungs- und Verkehrswirtschaft ist kaum zu überschätzen. Wir haben uns schon früh mit diesem Thema beschäftigt und auch bereits viel darüber berichtet. Im Grunde ist die Digitalisierung ebenfalls als Infrastrukturaufgabe zu verstehen. Wir schaffen zum Beispiel mit unserem LoRaWAN-Netz die Grundlage für neue Produkte und digitale Anwendungen in unserer Stadt – von der intelligenten Straßenbeleuchtung bis zum Hochwassersensor.

„Wir haben als Gesellschaft
und gemeinsam mit der Stadt
das konkrete Ziel,
klimaneutral zu werden.“
Markus Hilkenbach

Darüber hinaus arbeiten wir an der Struktur eines digitalen Energiesystems. Eine dezentrale Einspeisung oder Quartierslösung mit entsprechenden Produkten kann nur digital gelöst und gesteuert werden. Nicht zuletzt deswegen sind wir vor wenigen Tagen für den dynamischen Stromtarif „Tal.Markt Flex“ mit dem Stadtwerke Award 2023 ausgezeichnet worden. Diese Beispiele lassen sich auch beliebig auf den Mobilbereich ausweiten. Von der Hol mich! App bis hin zu digitalen Tickets wird die Welt immer digitaler.

Das müssen wir auch alles gar nicht allein entwickeln. Die Digitalisierung ist prädestiniert für Kooperationen. Wir arbeiten hier intensiv mit dem Netzwerk von Civitas Connect zusammen – ein Verein mit über 55 Stadtwerken und Kommunen zum Thema Smart City. In diesem Kontext waren wir im September Gastgeber für die CiviCon in der Historischen Stadthalle – dem ersten deutschlandweiten Digitalisierungskongress seiner Art. Eine großartige Veranstaltung.

Wie im privaten Umfeld auch, wird sowohl unsere interne Kommunikation als auch die Kommunikation zu unseren Kundenwelten in den nächsten Jahren immer digitaler. Es ist also wichtig, dass wir uns hier perfekt aufstellen und auch frühzeitig in diese Mentalität hineinwachsen.

Stadtwerke gelten als bodenständig, aber auch ein bisschen bieder. Was macht sie optimistisch, dass die WSW in Wuppertal als Wegbereiter erfolgreich sind?

Ich würde eher traditionell sagen und das ist aus meiner Sicht nichts Schlechtes! Klar ist aber auch, dass wir die neuen Herausforderungen annehmen und aktiv für unsere Stadt gestalten müssen – und das ist uns doch bisher auch sehr gut gelungen. Wir sind nach meinem Empfinden absolut auf dem richtigen Weg. Die richtigen Themen sind adressiert, neue Arbeitswelten werden geschaffen und die anstehenden Projekte sind so spannend wie nie zuvor. Gar nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch die finanziellen Mittel in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen würden. 

Wichtig ist, dass wir bei all den Herausforderungen und immer wieder neuen politischen Zielen unsere eigenen Prioritäten setzen und auch immer wieder das Tempo miteinander abstimmen. Ohne das WSW-Team werden wir die Transformation nicht schaffen und das ist mir und uns auch sehr bewusst. Unsere erste Pflicht ist die sichere Versorgung/Entsorgung und Mobilität zu wettbewerbsfähigen Preisen – das muss laufen. Erst dann geht es um neue und zusätzliche Projekte oder Innovationen.

Text: Rainer Friedrich
Foto: Claudia Kempf